Pädagogisches Konzept

Stand Juni 2021

Einleitung

Die Windecker Waldlinge ist ein im Jahr 2021 aus einer befreundeten Elternschaft entstandener Waldkindergarten. Der gleichnamige Verein Windecker Waldlinge e.V. fungiert als Träger des Waldkindergartens. Die Waldlinge sind eine ca. 16 Kinder umfassende Gruppe zwischen 3 und 6 Jahren.

Begeisterung, Neugierde, Vertrauen, Spiel, Mut, Wagnis, begleiten die Menschen, die sich im Waldkindergarten treffen.

Ich
Ich stehe manchmal neben mir
und sage freundlich DU zu mir

 und sag DU bist ein Exemplar 

wie keines jemals vor dir war.
Du bist der Stern der Sterne!
Das hör ich nämlich gerne.

(Jürgen Spohn)

Pädagogisches Konzept

  1. Bild vom Kind

Das Kind ist aktiver Gestalter seiner Entwicklung. Von Geburt an strebt das Kind nach Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Fähigkeiten. Es verfügt über alle nötigen Voraussetzungen der Selbstbildung, insbesondere eines großen Wissensdurstes. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft motiviert das Kind soziale Gesetzmäßigkeiten zu erlernen und sich in eine Gruppe einzufinden.

Gleichzeitig sucht das Kind für diesen Weg nach einer Basis. Zuverlässige Beziehungen zu wichtigen Personen im Leben des Kindes sind der sichere Hafen, aus dem das Kind ausfahren und die Welt entdecken kann.

Die kindliche Entwicklung ist geprägt von dem Wechselspiel zwischen Rückversicherung bei Bezugspersonen um Kraft, Nähe, Vertrauen und Liebe zu tanken und dem Streben nach Entwicklung und Eigenständigkeit.

Passend zu diesem Bild übernehmen die ErzieherInnen bei den Waldlingen die Rolle der BegleiterInnen. Sie werden Bezugspersonen, die den Kindern bei Bedarf zur Verfügung stehen und sorgen für eine anregende Umwelt, in der freies Lernen ermöglicht wird. Elementar für die pädagogische Arbeit ist das grundlegende Vertrauen in die kindlichen Kompetenzen.

Praktische Umsetzung finden diese Gedanken in dem Aufenthalt in der nahegelegenen Natur, die den Kindern vielseitige Erlebnisse und Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Im freien Spiel und der Kommunikation untereinander, sowie durch besondere Angebote der ErzieherInnen wird eine ganzheitliche Bildung im Sinne der zehn Bildungsbereiche des Landes NRW (s. Kapitel 6.2. „Bildungsbereiche“) ermöglicht. Das individuelle Tempo jedes Kindes und der ressourcenorientierte Blick auf die persönlichen Fähigkeiten und Interessen sind maßgebliche Orientierungspunkte für die ErzieherInnen.

  • Pädagogische Ausrichtung

An Stelle der klassischen Erziehungsmethoden tritt der Aufbau einer stabilen Beziehung. Die Kommunikation mit den Kindern ist daher geprägt von Wertschätzung und der Überzeugung der Gleichwertigkeit. Der pädagogische Ansatz der Windecker Waldlinge wird daher als „beziehungsorientiert“ bezeichnet und stellt eine Weiterentwicklung des bedürfnis- und beziehungsorientierten Erziehungsstils für institutionelle Begleitung von Kindern dar.

In der Umsetzung bedeutet das:

2.1 Gemeinsame Entscheidungsprozesse statt autoritärer Lenkung

Selbstverständlich gibt es gemeinsame Regeln, die von allen Gruppenmitgliedern eingehalten werden müssen. Neben einigen Grundregeln sind die meisten Regeln nicht starr festgelegt, sondern einer stetigen Reflexion unterworfen. Gemeinsam mit den Kindern stellen die ErzieherInnen wenige, jedoch sinnvolle Grundsätze auf, hinter denen sie persönlich stehen und die sie authentisch vertreten können. Auf dieser Basis können die ErzieherInnen und auch die Kinder konsequent und authentisch deren Einhaltung einfordern und anderen Kindern ihre Wichtigkeit begreiflich machen.

2.2 Dialog und Austausch statt Belehrung und Bevormundung

Im Mittelpunkt des pädagogischen Umgangs in der Waldlinge steht der persönliche, gleichwertige Dialog. Durch diesen Austausch entsteht eine authentische Beziehung, in der sich das Kind wertgeschätzt fühlt. Die Erziehenden bringen ihre Persönlichkeit sowie seine und ihre Gefühle ebenso in das Gespräch ein wie ihre Haltung. Dabei hört er und sie dem Kind aufmerksam zu um seine Position nachempfinden zu können.

2.3 Vertrauen und Interesse statt Kontrolle

Im Rahmen der Möglichkeiten der gesetzlichen Aufsichtspflicht erhalten die Kinder große Freiräume zum Entdecken und Erkunden ihrer Fähigkeiten. Die ErzieherInnen sind dabei jederzeit als AnsprechpartnerInnen verfügbar und tauschen sich regelmäßig mit den Kindern über deren Erfahrungen aus. Feste Rituale, wie zum Beispiel der Morgenkreis und ein Abschiedslied, dienen den Kindern zur Orientierung. Durch eine enge Beziehung zu mindestens einem der ErzieherInnen erfahren die Kinder außerdem Geborgenheit. Mit Klarheit und Sicherheit können die Kinder sich so gesund frei entfalten.

2.4 Wertschätzung statt Lob

Echte Freude und Wertschätzung ersetzen das Lob, um erwünschtes Verhalten zu verstärken. Kinder brauchen kein Lob, um einen Selbstwert zu entwickeln; sie brauchen Anerkennung und ehrliche Anteilnahme.

2.5 Verantwortung statt Strafe

Wir wünschen uns eine Begleitung der Kinder ohne Schimpfen und Strafen. Der/die ErzieherInnen stehen in der Verantwortung, das in irgendeiner Form auffällige Verhalten des Kindes zu ergründen und in einem Dialog mit dem Kind Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Hierbei sollte die Grundlage die “Gewaltfreie Kommunikation” (GFK) nach Marshall B. Rosenberg sein. Diese basiert zunächst auf vier Schritten: Beobachtungen wertfrei ausdrücken, die eigenen Gefühle zum Ausdruck bringen, die Bedürfnisse, die dahinterstehen benennen und einen konkreten, erfüllbaren Wunsch zu äußern. Außerdem geht es darum, dem Gegenüber zuzuhören und zu erfahren, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter seinen Handlungen stehen. Es geht darum, sich gegenseitig anzuhören und zu verstehen. Auf dieser Basis kann dann ein Konsens gefunden werden, mit dem alle leben können. Kategorien wie “gut” und “böse”, “falsch” und “richtig” sollte es dabei nicht geben. Bei der Konfliktbegleitung durch den/die ErzieherInnen wird daher weder ein “Schuldige/r” noch ein „Unschuldige/r” benannt, weshalb auch keine “Entschuldigung” oder Bestrafung erfolgt, sondern ein klärendes Gespräch. Für den Waldkindergartenn-Alltag bedeutet dies konkret, dass für die Kindern und die pädagogischen Mitarbeitenden die vier Schritte der GfK ein stetiger und lebendiger Lernprozess sind.

2.6 BegleiterInnen statt ErzieherInnen

In Bezug auf den beziehungsorientierten Ansatz ist die Bezeichnung „ErzieherInnen“ irreführend. Die MitarbeiterInnen bei den Waldlingen sind BegleiterInnen der kindlichen Entwicklung und ihre Arbeit wird durch diesen Begriff treffender beschrieben. Nur um die Berufsbezeichnung korrekt wiederzugeben, wird trotzdem der Terminus „ErzieherInnen“ benutzt.

  • Waldkindergarten

Der Waldkindergarten unterscheidet sich von klassisch organisierten Kindergärten in erster Linie dadurch, dass die Kinder den Großteil des Kindergartenalltags in der Natur verbringen. Als alternativer Aufenthaltsort steht ein ausgebauter, beheizbarer Bauwagen zur Verfügung.

Das Ziel der Waldpädagogik ist die ganzheitliche Förderung der Kinder. Oft wird in diesem Zusammenhang Pestalozzis Forderung zitiert, nach einem Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“. So umfasst die pädagogische Arbeit im Waldkindergarten alle Entwicklungsbereiche, die für eine ganzheitliche und gesunde Förderung der Kinder notwendig ist. Gerade der große Raum und die Ruhe des Waldes bieten den Kindern neben einem vielfältigen Bewegungsangebot, das Erleben der Umwelt mit allen Sinnen im jahreszeitlichen Rhythmus.

Die Jahreszeiten werden den Kindern im Waldkindergarten unmittelbar bewusst. Sie erleben sie in ihren unterschiedlichen Qualitäten und Ausprägungen, entwickeln hierbei eine große Bindung zur Natur und erlernen den Umgang mit Tieren, was in der Regel mit einer großen Wertschätzung einhergeht. Stille und Weite des Waldes, sowie die fast grenzenlosen Rückzugsmöglichkeiten helfen den Kindern, sich zu entspannen und sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Ein weiterer Unterschied zu Regelkindergärten sind die Materialien, die den Kindern zur Verfügung stehen. In einem Waldkindergarten sind dies in erster Linie Naturprodukte, die sie vor Ort finden. Durch pädagogische Angebote werden zusätzliche Materialien von den ErzieherInnen mitgebracht, wie beispielsweise Bücher, Malutensilien, Laptop oder Tablet etc. In der Regel spielen die Kinder aber nicht mit vorgefertigtem Spielzeug, sondern mit Ästen, Stämmen, Laub und Ähnlichem. Für Bildungsangebote und Projekte werden ebenso nach Möglichkeit Elemente aus der Natur verwendet.

Die Kinder können auf Bäume klettern, über Baumstämme balancieren, in Pfützen hüpfen, krabbeln, rennen und toben und so ihren natürlichen Bewegungsdrang nachgehen. Durch die unterschiedlichen Bewegungsanforderungen wird ein gutes Körpergefühl, ausgeprägter Gleichgewichtssinn und die eigene Aktivität gefördert. Hierbei ergeben sich die unterschiedlichen Bewegungsabläufe von sich aus, durch das unterschiedliche Gelände. Kinder lernen hier durch Bewegung ihren Körper, ihr Gleichgewicht, ihre Empfindungen, aber auch ihre Grenzen kennen. Gerade die Vielfalt an nicht vordefinierten Spielmöglichkeiten im Waldkindergarten begünstigt darüber hinaus in großem Maße die Entwicklung der Sprachfähigkeit.

Die Kinder im Waldkindergarten sind gemeinsam unterwegs und die Umgebung bietet mit ihrer stetigen Veränderung viele Anlässe zur Kommunikation. Durch den Wald als „spielzeugfreie“ Umgebung werden SpielpartnerInnen und Sprache nicht durch Gegenstände ersetzt, sondern mit sprachlicher Erläuterung ins Spiel eingebaut. Hier gibt es kein vorgefertigtes Spielzeug, aber eine Fülle von Naturmaterialien, die die Fantasie und Kreativität der Kinder anregen und herausfordern. Ob zum Bauen, Gestalten oder für ein Rollenspiel: Das Material bekommt seine Bedeutung erst durch das kindliche Spiel.

Wichtige Frage vieler Eltern ist die Gewährleistung von Hygienestandards. Vor dem Essen und nach dem Toilettengang waschen sich die Kinder mit frischem Wasser und biologisch abbaubarer Seife die Hände. Zum Abtrocknen benutzen die Kinder ihre eigenen Handtücher. Das kleine und große Geschäft verrichten die Kinder in einer bereitgestellten Komposttoilette.

3.1 Konzeptionelle Umsetzung des Waldkindergartens

3.1.1. Aufenthaltsbereiche

Dank der Pachtmöglichkeit eines Waldstückes aus dem Privateigentum eines Herchener Mitbürgers und der Nutzungsmöglichkeit an staatseigenen Flächen in Windeck-Herchen, stehen dem Waldkindergarten eine ganz Reihe an Wald- und Grünflächen zur Verfügung. 

In diesem Areal gilt es nun, gemeinsam mit den Kindern und den BegleiterInnen geeignete, inspirierende „Spielorte“ festzulegen, die vielseitige und abwechslungsreiche Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Dabei werden folgende Eigenschaften berücksichtigt:

  • Sowohl Laub- als auch Nadelwald sowie Mischwald
  • Hänge und unebenes Gelände
  • Fließ- und/oder stehendes Gewässer
  • Gut zugänglich und erreichbar
  • Windgeschützter Bereiche für kalte Tage
  • Fester Untergrund für Regentage

Typischerweise erhalten die Aufenthaltsbereiche ansprechende und passende Namen, wie z.B. „der neue Wald“, „der Eichenwald“, „der Wildscheinwald“. Die Namensfindung erfolgt gemeinsam mit den Kindern.

Die Waldgruppe hält sich den Vormittag über, auch während des Frühstücks, an den ausgewählten Spielorten auf und haben dort Zeit und Platz für Freispiel und offene pädagogische Angebote durch die ErzieherInnen.

Für die pädagogische Arbeit ist darüber hinaus der Weg zu dem jeweiligen Bereich bedeutsam. Bemerkt ein Kind unterwegs etwas Spannendes, gibt es eine Veränderung, oder die ErzieherInnen führen die Kinder bewusst an etwas Interessantem vorbei, kann die Gruppe einen Zwischenstopp einlegen, um sich dem Entdeckten widmen. Dieses situationssensible Vorgehen wird bei der Planung der Wegstrecke berücksichtigt.

  • Unterkunft

Das „Waldgrundstück Herchen“ ist mit zwei Waldkindergartenbauwagen und Außengelände der Standort der Waldlinge. An der Unterkunft trifft sich die Gruppe morgens um sich zusammenzufinden. Begrüßungsrituale helfen den Kindern dabei sich auf die Gruppe einzustellen. Im Rahmen des Morgenkreises wird der „Spielort“ entweder von einem der Kinder oder der Gruppe gemeinsam täglich bestimmt.

Zur Mittagszeit wird die Unterkunft wieder aufgesucht. Die Kinder nehmen im Außenbereich oder in der Unterkunft ihr Mittagessen ein und verbringen die Mittagsruhe orientiert an den Bedarfen der Kinder in dem Bauwagen oder dem Außengelände. Nach der Mittagsruhe laden die Ausstattung und der Außenspielbereich der Unterkunft zum Freispiel ein. Zusätzlich wird gelegentlich auch am Nachmittag der Wald besucht.

  • Personal

Vier Fachkräfte begleiten die Kinder in der Kernzeit von 7:30 bis 14:30 Uhr. Darunter befinden sich eine Facherzieherin für Wald- und Naturpädagogik. Eine der Fachkräfte ist die pädagogische Leitung der Waldlinge. Sie steht im Austausch mit dem Vorstand, der daneben ehrenamtlich die administrative Leitung übernimmt. Eine nach §8a SGB VIII erfahrene Fachkraft befindet sich nicht im Kollegium, kann aber über Kooperationspartner zur Beratung herangezogen werden.

 Das Team wird ergänzt durch eine 450€-Kraft und ggf. einen Bundesfreiwilligendienstler*in oder eine/n Auszubildende*n (PiA). Außerdem unterstützen mehrere Ehrenamtler*innen das Team regelmäßig. Der Besuch von einschlägigen Fortbildungen wird explizit gewünscht und vom Träger gefördert. Den besonderen Aufsichtsbedingungen im Wald wird durch den günstigen Personalschlüssel Rechnung getragen.

Für die personelle Besetzung des Waldkindergartens wünschen wir uns Menschen, die selber auf der Suche sind – nach etwas Außergewöhnlichem, nach etwas, das „anders“ ist. Denn das Wichtigste in der Bildung, in der Erziehung und in der Zusammenarbeit lässt sich nicht pauschal oder äußerlich beschreiben und festlegen.
Wir verstehen unseren Waldkindergarten nicht nur als Betreuungsort, sondern auch als ein Treffpunkt und Austauschort für Eltern, als Kulturort und als erweiterte Familienzugehörigkeit. Das bedeutet für uns Aufmerksamkeit, Kreativität und Verantwortung. Menschen, die sich bemühen, einen Lebensort für Kinder und Erwachsene gemeinsam entstehen zu lassen.

  • Beispielhafter Tagesablauf

Die folgende Darstellung beschreibt lediglich ein mögliches Beispiel. Die Gestaltung des Tages im Waldkindergarten ist ein dynamischer Prozess, der gemeinsam mit den Kindern bestimmt wird.

7:30 Uhr: ÖffnungFreispiel
8:30 Uhr: Bringzeit beendetMorgenkreis (Ankommen und Planung des Tages)
9:00 UhrAufbruch in den Wald (zu den Spielorten)
9:30 UhrOffenes Frühstück im Wald
11:00 UhrAbschlussrunde (musikalischer Schlusskreis)
11:30 UhrRückweg zu den Bauwagen
12:00 UhrMittagessen
12:30 UhrMittagspause
13:00 UhrFreispiel an den Bauwagen oder im Wald
14:30 UhrAbholzeit

Regelmäßige Ausflüge in den sozialen Nahraum, wie beispielsweise zu einem ImkerIn, zu nahegelegenen Bauernhöfen, zur Polizeiwache oder zur Feuerwehr bieten zusätzliche Bildungserfahrungen. Im Verlauf des Jahres werden auch besondere Aktivitäten in Bezug auf Jahreszeitenfeste veranstaltet, wie ein gemeinsames Ostereiersuchen und die Veranstaltung eines Martinszugs.

  • Bildung
    • Bildungsprinzipien

Unser Anliegen ist es, Räume im Alltag für die Vielfalt an Erfahrungen und Zugangsweisen zu schaffen. Räume, in denen Kinder sich von unterschiedlichen Dingen, Menschen und Situationen ansprechen, berühren und herausfordern lassen können. Wir möchten Kindern Zeit geben, eine Sache kennen zu lernen, sie zu befragen, sei es ein Baum, eine alte Schreibmaschine, der Schatten oder eines der unzähligen kleinen Rätsel im Alltag.

Und vor allem möchten wir dabei sein, um diese Prozesse wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und mitzugestalten. Denn dieses dialogische Verhältnis von Subjekt und Welt, diese Wechselwirkung von Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit ist das, was Bildung ausmacht.

  • Selbstbildung

Es ist die Überzeugung der Einrichtung, dass die effektivste und die dem Kind an der Besten gerecht werdenden Art der Bildung die Selbstbildung, insbesondere durch freies Spiel, ist. Abgesehen von seiner elementaren Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung, liegt im freien Spiel das Potential, dass die Kinder sich alle relevanten Bildungsbereiche aneignen, ohne den Prozess bewusst als Lernerfahrung wahrzunehmen. Sie integrieren das gewonnene Wissen leicht, weil eine positive emotionale Verknüpfung stattfindet. 

  • Partizipation

Partizipation bedeutet die Beteiligung an Entscheidungen, die das eigene Leben und das der Gemeinschaft betreffen, und damit Selbst- und Mitbestimmung, Mitgestaltung, Eigen- und Mitverantwortung und konstruktive Konfliktlösung. Wie in Kapitel 2 dieses Konzeptes „Pädagogische Ausrichtung“ beschrieben, sind die Kinder und Erwachsenen gleichwürdige Mitglieder der Gruppe. Die Kinder haben das Recht, an allen sie betreffenden Entscheidungen entsprechend ihrem Entwicklungsstand beteiligt zu werden. Das beinhaltet zugleich das Recht, sich nicht zu beteiligen. Auch wenn die Verantwortung und damit in einigen Bereichen die finale Entscheidung bei den Erwachsenen liegt, werden die Kinder in die sie betreffenden Entscheidungsprozesse eingebunden. Das Prinzip der Partizipation wird im Waldkindergarten ganz selbstverständlich gelebt und praktiziert. Alle haben ein Mitspracherecht! In unserem Alltag fördern wir die Partizipation unter anderem durch Morgen- und Abschlusskreise, Kinderkonferenzen, die Miteinbeziehung der Kinder in Entscheidungen über den Tagesablauf (z.B. die Wahl des Spielortes) und bei der Schaffung einer großen Anzahl von Freiräumen für freies Spiel, bei denen jedes Kind für sich entscheiden kann, wo es an diesem Tag spielen will.

  • Genderbewusste Pädagogik


Das Ziel geschlechter- bzw. genderbewusster Pädagogik ist es, Kinder – jenseits von Geschlechterklischees – in ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten zu fördern. Es geht darum sie bei der Ausgestaltung ihrer individuellen Geschlechtsidentitäten zu unterstützen – unabhängig von den jeweils herrschenden Vorstellungen vom »richtigen Mädchen« und »richtigen Jungen«. Stereotype (Jungen lieben blau, Mädchen pink; Frauen basteln, Männer werken) sollen in Frage gestellt und für jeden einzelnen Menschen neue Handlungsspielräume jenseits geschlechtlich konnotierter Verhaltensmuster geschaffen werden. Geschlechterbewusste Pädagogik beruht auf einer Haltung, die auf der Anerkennung vielfältiger Lebensweisen basiert und Chancengerechtigkeit und Inklusion betont[SK1] .

  • Inklusion

Grundgedanke von Inklusion ist, dass Jede/r dazu gehört und Jede/r von Jeder/m lernen kann. Es gilt, den Mehrwert von Zusammenhalt erfahrbar zu machen, unabhängig von körperlichen, kulturellen und strukturellen Merkmalen.

Ziel ist z.B. die Besetzung eines Platzes durch ein Kind mit Fluchtgeschichte. Das Erlernen der deutschen Sprache wird durch die günstigen Bedingungen zur alltagsintegrierten Sprachförderung (s. Kapitel 6.2.3. „Sprache und Kommunikation“) im Waldkindergarten besonders unterstützt. Auch Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen langfristig einen Platz im Waldkindergarten einnehmen können. Die einzige Einschränkung bei der Aufnahme ist aktuell eine körperliche Behinderung, die einen Rollstuhl notwendig macht.

  • Bildungsbereiche

Der Großteil der Bildungsanregungen ist bei den Waldlingen in den Alltag eingebettet. Durch offene Angebote werden die Inhalte vertieft. Auf diese Weise werden alle Bildungsbereiche des Landes NRW berücksichtigt und eine ganzheitliche Förderung gewährleistet.

  • Bewegung

Bewegung ist im Waldkindergarten allgegenwärtig. Die Spaziergänge zu den Spielorten im Wald sorgen für ein Grundniveau an Bewegung. Am täglich wechselnden Spielort angekommen bespielen die Kinder dann auf einem breiten Aktivitätsspektrum den Wald. Sie finden unterschiedliche motorische Anregungen: umgestürzte Bäume zum Balancieren, kleine Bäche oder Pfützen zum Waten und Hüpfen, Hügel zum Beklettern und Rutschen usw. Feinmotorische Aktivitäten ergeben sich ebenso von selbst: Die Untersuchung spannender Naturprodukte, Schnitzen, Basteln mit Naturprodukten und selbstverständlich auch das Malen. Schritt für Schritt erschließen sich die Kinder bei den Windecker Waldlingen ihre Umwelt. Bewegend erleben und erfahren sie sich selbst, erproben ihre eigenen Kräfte, üben Geschicklichkeit, erleben Erfolge und Misserfolge und die Selbstwirksamkeit ihres Handelns. Die Erfahrung, dass die eigene Handlung Veränderung bewirkt und Konsequenzen nach sich zieht, führt zur Entwicklung eines positiven Selbstbildes. „Ich kann etwas bewegen“. Bewegung bewirkt Selbstständigkeit und Sicherheit, und führt durch Lust und Freude von Körper- und Bewegungserfahrungen zu Lernmotivation und Gesundheit. Der Wald-Erlebnisraum als psychomotorischer Entwicklungsraum fördert somit das Selbstwirksamkeitserleben, motorische Grundfertigkeiten und die Wahrnehmung aller Sinne.

  • Körper, Gesundheit und Ernährung

Gesundheitserziehung baut auf den drei Säulen auf: Bewegung, Entspannung und Ernährung. Als Ergänzung zu der Bewegung (s. Kapitel 4.2.1. „Bewegung“) wird bewusst ein Fokus auf Entspannungsmöglichkeiten gelegt. Im Tagesablauf ist das Element „Mittagspause“ untergebracht – eine Zeit, in der alle Kinder nach dem Essen die Möglichkeit haben entweder zu schlafen, zu ruhen oder einer ähnlichen entspannenden Tätigkeit in der Wärme des Bauwagens nachzugehen.

Auf einer tieferen Ebene der Gesundheitsförderung werden die Kinder an Achtsamkeit herangeführt. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers und das Erleben der körpereigenen Sinne sind wertvolle und elementare Erfahrungen für Kinder. Die Reduktion auf natürliche Reize im Wald schafft ideale Bedingungen hierfür. Zusätzlich nimmt die Entwicklung emotionaler Kompetenz, insbesondere das Erkennen und Benennen zunächst der eigenen Gefühle einen besonderen Stellenwert beim beziehungsorientierten Ansatz ein.

Das Ernährungskonzept basiert auf den Ideen der Vielfalt, der Frische und der Orientierung an Kinderwünschen. Die Eltern erhalten im Kita-ABC Hinweise für die selbst zubereitete Frühstücksmahlzeit, bei denen besonders die Reduktion von Zucker fokussiert wird. Das Mittagessen wird von einem Caterer zubereitet, der auf die Verwendung von saisonalen und regionalen Produkten achtet. Auf einen süßen Nachtisch wird bewusst verzichtet. Stattdessen können die Kinder einen Obst- oder Gemüsesnack zu sich nehmen.

Ein weiterer wichtiger Punkt, nicht nur im Wald, ist die Hygiene. Vor dem Essen waschen sich die Kinder ihre Hände. Jedes Kind bringt sein eigenes Handtuch zum Abtrocknen täglich mit.

  • Sprache und Kommunikation

Die Sprachförderung der Kinder ist bei den Waldlingen bewusst alltagsintegriert. Größtes Potential, besonders in Bezug auf den Umgang mit Mehrsprachigkeit, bietet das Spiel der Kinder. Natürliche Materialen sind interpretationsoffen und müssen von den Kindern im Spiel immer neu definiert und beschrieben werden. Ein Stock ist ein Schwert, ein Paddel oder ein Zauberstab – darüber müssen die Kinder sich laufend austauschen. Das gemeinsame Spiel bietet vielfältige Sprachanlässe und durch den Wunsch zur Zugehörigkeit höchste Motivation. Untereinander fördern die Kinder insbesondere Wortschatz, Artikulation, und Betonung.

Von Seiten der ErzieherInnen findet bewusste Sprachförderung durch Angebote statt. Lesen, Geschichtenerzählen, Singen, Gedichte, Gesprächsrunden und ein „Vorlesetheater“ zum gemeinsamen Erleben von Bildergeschichten in der ganzen Gruppe, sind alltägliche Beispiele hierfür. Ergänzend zu den Grundkompetenzen durch gemeinsames Sprechen zielen die Angebote zur Sprachförderung bewusst auf die Förderung der rezeptiven Fähigkeiten und der phonologischen Bewusstheit.

Zusätzlich ist der Dialog eine elementare Methode des beziehungsorientierten Ansatzes. Unterhaltungen zwischen den Kindern und zwischen Kindern und BezugserziehernInnen z.B. über Gefühle und Bedürfnisse oder Konfliktlösungsmöglichkeiten vertiefen das Verständnis, wie wichtig der sprachliche Austausch untereinander ist.

  • Soziale und (inter)kulturelle Bildung

Das gemeinsame Spiel ist die ideale Gelegenheit soziale Gesetzmäßigkeiten zu erlernen. Es bietet dem Kind die Möglichkeit in verschiedene Rollen zu schlüpfen und spielerisch seine Charaktermerkmale kennenzulernen. Der tägliche Umgang mit den erwachsenen Bezugspersonen ergänzt diesen Erfahrungsraum.

Der soziale Nahraum wird für die Kinder durch Ausflüge erlebbar, die in unregelmäßigen Abstand über das Jahr verteilt stattfinden. Es finden z.B. Besuche in der Bibliothek, bei der Feuerwehr, dem Supermarkt und einem Theater statt, sowie auch spielerische Begegnungen bei Zirkuskursen.

Demokratie und Partizipation erfahren die Kinder durch die gelebte Mitbestimmung. Der Morgenkreis ist Ritual und Gremium zugleich. Er bildet den Rahmen, in dem Entscheidungen besprochen und gemeinsam gefällt werden. Die Kinder erleben bei den Waldlingen auf diese Weise ganz selbstverständlich, dass sie ein wichtiger Teil der Gemeinschaft sind, der Etwas beizutragen hat und Belange mitentscheidet.

Kulturelle Unterschiede und Multikultur erleben die Kinder bei den Waldlingen täglich durch das Miteinander von Kindern mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Dabei werden die Bräuche aufgegriffen, die durch einzelne Mitglieder der Gruppe repräsentiert werden. Auch Jahreszeitenfeste, wie z.B. religiöse Anlässe und Karneval, werden gemeinsam gefeiert.

  • Musisch-ästhetische Bildung

Durch gemeinsames Musizieren machen die Kinder einmalige Sprach-, Stimm- und Körpererfahrungen, die sie auf keine andere Weise machen können. Beim Malen leben sie Gefühle und Erlebtes aus und können ihre Kreativität entdecken. Die musisch-ästhetischen Bildung spielt somit eine wichtige Rolle für die Eigenwahrnehmung und bietet die Möglichkeit Kompetenzen voller Freude zu erlernen.

Der pädagogische Alltag der Waldlinge ist von Musik durchdrungen. Gemeinsames Singen des Begrüßungsliedes ist fester Bestandteil des Morgenkreises und auch zum Abschlusskreis im Wald stimmen die Kinder und ErzieherInnen zusammen Lieder an. Neben „Klassikern“, die von den Kindern das ganze Jahr über gewünscht werden, werden die Jahreszeiten und deren Feste durch passende Lieder widergespiegelt. Im Regelfall wird der Abschlusskreis mit der Gitarre begleitet. Auch für die Kinder steht ein Musikkoffer mit kindgerechten Instrumenten zur Verfügung. Auf diese Weise erfahren die Kinder selbstwirksam und spielerisch wie Musik entsteht, indem sie z.B. Rhythmus, Töne und Klänge produzieren.

Singen, Tanzen, Malen und Basteln gehören ganz selbstverständlich zum täglichen pädagogischen Angebot, auf dem Weg zum und auch im Wald. Wichtiges Ziel ist hierbei den Kindern ohne viele Vorgaben einen individuellen Zugang zu ermöglichen und ihnen Freiraum zuzugestehen, damit sie ihre eigene Idee von Kunst entwickeln. Lieder werden frei gedichtet, Kunstwerke entstehen – die Ergebnisse der Kinder werden nicht bewertet, sondern anerkannt.

Die Möglichkeiten Kreativität auszuleben, gehen bei den Waldlingen über die pädagogischen Angebote hinaus: Der Aufenthalt im Wald, ohne Spielzeug mit den natürlichen Materialien, bietet die seltene Möglichkeit völlig frei von Vorgaben zu spielen. Dadurch wird freies Spiel mit einem Höchstmaß an Phantasie möglich.

  • Religion und Ethik

Konfessionsgebundene religiöse Erziehung findet bei den Waldlingen nicht statt. Religiöse Feste der vertretenen Kulturen werden thematisiert und teilweise gefeiert, dabei liegt der Fokus jedoch auf dem kulturellen Hintergrund und dem Brauchtum, während der religiöse Aspekt wertfrei als Information vermittelt wird.

Ethische Prinzipien erleben die Kinder primär durch das Handeln und die Haltung der ErzieherInnen. Die bedingungslose Wertschätzung der Kinder bildet die Grundlage des Miteinanders: Jedes Kind erfährt, dass es als Person und als Teil einer Gemeinschaft wichtig ist. Seine Bedürfnisse werden wahrgenommen und es wird in Konfliktsituationen gemeinsam erarbeitet, was das Kind braucht. Die Überzeugung der Waldlinge ist, dass ein Kind, das seinen Selbstwert erkennt, bereit ist auch seine Mitmenschen mit der Wertschätzung zu begegnen, die es selber erfahren dürfte. Durch Selbstliebe entsteht die Möglichkeit der Nächstenliebe und damit die Bereitschaft ethisch gut Handeln zu wollen.

  • Mathematische Bildung

Die Heranführung an grundlegende mathematische Fähigkeiten, wie Mengenverständnis, Geometrie, logisches Denken etc. ist in den Alltag eingebettet. Die ErzieherInnen nutzen die Omnipräsenz von Mathematik, greifen sensibel die sich bietenden Möglichkeiten auf und lenken bei Bedarf die Aufmerksamkeit der Kinder in ihre Richtung, z.B. beim Sortieren zum Basteln und Aufräumen, Experimentieren, Schritte zählen oder Material abmessen, um es zu bearbeiten.

  • Naturwissenschaftlich-technische Bildung

Der Forscherdrang der Kinder wird bei den Waldlingen ganz selbstverständlich aufgegriffen und unterstützt. Ganz alltäglich erleben die Kinder z.B. jahreszeitliche Veränderungen, Wettereinflüsse und die Flora und Fauna hautnah. Die ErzieherInnen greifen gemeinsame Beobachtungen auf um biologische, physikalische und chemische Phänomene mit den Kindern zusammen zu erarbeiten. Die (natur)wissenschaftlichen Prozesse von Beobachtung, Informationsbeschaffung, Hypothesenüberprüfung und Erkenntnisgewinn erleben die Kinder auf diese Weise spielerisch und alltagsintegriert.

  • Ökologische Bildung

Nachhaltigkeit spielt bei der gesamten Konzeption der Waldlinge eine zentrale Rolle. Sowohl bei der Entscheidung für den Wald als Haupt- Aufenthaltsbereich, als auch bei der Anschaffung der Waldkindergartenwagen aus natürlichen Materialien, dem weitgehenden Verzicht auf Plastik in den Wagen und der Auswahl des Caterers. Diese Haltung wird den Kindern nicht nur vorgelebt, sondern ist ganz selbstverständlich auch in vielen Bereichen des pädagogischen Alltags integriert. Darüber hinaus gibt es innerhalb des Waldkindergartens immer wieder Angebote oder Projekte zu nachhaltigen Themen, wie die Müllentsorgung, erneuerbare Energien und verantwortungsvollem Konsum in denen sich die Kinder Erfahrungen und Wissen aneignen können, um ihre Kompetenzen im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung zu erweitern. 

Ein respektvoller Umgang mit der Natur ist für den Aufenthalt im Wald unerlässlich. Das Verhalten im Alltag bildet die Grundlage für nachhaltiges Handeln im Großen. Den Kindern wird der hohe Wert der Natur bewusst und warum sie schützenswert ist. Von der Rücksicht auf Wild und junge Pflanzen, über die Verwendung von regionalen, saisonalen Lebensmitteln bis zur Mülltrennung erleben die Kinder im Alltag, worauf es bei einer ökologisch bewussten Lebensweise geht.

  • Medien

Medienkompetenz als unerlässliche Schlüsselqualifikation wird im Waldkindergarten bewusst aufgegriffen. Basisfähigkeiten der Kommunikation sind gleichzeitig die Grundlagen von Medienkompetenz: das Entschlüsseln von Symbolen, Lesen von Mimik und Körpersprache und Interpretation paraverbaler Signale. Mit dem beziehungsorientierten Ansatz geht eine Konzentration auf Kommunikation, mit der Waldpädagogik ein Fokus auf Sprache einher (s. Kapitel 2 „Pädagogische Ausrichtung“). 

Da lediglich analoge Medien z.B. in Form von Büchern und Hörspielen alltagsintegriert vorkommen, sind regelmäßig Kamera- und Laptop bzw. Tablet- Angebote für die Kinder geplant, damit sie auch pädagogisch begleitete Erfahrungen mit digitalen Medien sammeln können. Dazu gehören z.B. selbst gemachte Fotogeschichten und das Kennenlernen erster Programme oder Apps. Der kreative schöpferische Umgang steht hierbei im Vordergrund.

  • Erziehungspartnerschaft
    • Eingewöhnung nach dem Münchner Modell

Das Münchner Modell gilt als besonders sanfte Methode der Eingewöhnung, bei der alle Akteure berücksichtigt werden: Das Kind, die Eltern, der ErzieherInnen und die Gruppe. Der Eingewöhnung wird bei den Waldlingen ein besonderer Stellenwert beigemessen, da sie elementar für den Beziehungsaufbau zwischen Kind und Erzieherin ist (s. Kapitel 2 „Pädagogische Ausrichtung“). Daher wird die Eingewöhnung an das Münchner Modell angelehnt. Letztlich ist die Eingewöhnung jedes Kindes aber individuell.

Die Eingewöhnung im Waldkindergarten startet auf Wunsch mit einem Hausbesuch der Bezugserzieherin bei der Familie zuhause. Die Eingewöhnung vor Ort umfasst die fünf Phasen des Münchner Eingewöhnungsmodells:

Vorbereitungsphase: Bezugserzieherin und Eltern lernen sich kennen, die Erzieherin stellt die Einrichtung vor, die Eltern sich und ihr Kind. Das Gespräch geht über den Austausch von Fakten hinaus denn es werden auch Erwartungen und Emotionen der Beteiligten angesprochen.

Kennenlernphase: Ein Elternteil besucht mit dem Kind für eine Woche mehrere Stunden täglich gemeinsam die Einrichtung. Dabei erfährt das Kind durch Beobachtung der Gruppenprozesse welche Rolle die Erzieherin spielt und sieht, dass sie die Ansprechpartnerin und Bezugsperson der Kinder ist. Die Bezugserzieherin kann erste eigene Beobachtungen anstellen und das Kind näher kennenlernen.

Sicherheitsphase: Auch in der zweiten Woche bleibt das Elternteil mit ihrem oder seinem Kind in der Einrichtung. Nun übernimmt die Erzieherin zunehmend die Aufgaben der Bezugsperson wie beispielweise Unterstützung beim Essen, Körperhygiene, gemeinsame Erkundungen und Trost. Das Elternteil ist immer in der Nähe und signalisiert dem Kind, dass es einverstanden mit dieser Rollenverteilung ist.

Vertrauensphase: Nachdem das Kind zwei Wochen beobachtet und teilgenommen hat, kennt es mittlerweile die Abläufe der Kita. Routinen schaffen Sicherheit und Vertrauen – diese Routinen hat das Kind nun kennengelernt. Vertrauen entsteht auch in schwierigen Situationen: Nach ca. zwei Wochen kann das erste Mal eine Trennung von den Eltern getestet werden. Wann diese erste Trennung genau stattfindet hängt von den Beobachtungen der Erzieher und Eltern ab. Gemeinsam wird entschieden, ob und wann das Kind bereit ist. Es wird ein gemeinsames Trennungsritual vereinbart und das Elternteil lässt das Kind für 30 bis 45 Minuten alleine in der Kita. Dieser Zeitraum wird täglich verlängert. Lässt sich das Kind nicht in kurzer Zeit beruhigen kommt das Elternteil sofort zurück und verbringt erneut einige Tage gemeinsam mit dem Kind in der Einrichtung bevor ein erneuter Trennungsversuch gestartet wird.

Phase der gemeinsamen Auswertung und Reflexion: Reflexionsgespräche sind im gesamten Eingewöhnungsverlauf selbstverständlich. Ist die Eingewöhnung des Kindes abgeschlossen findet zusätzlich ein Abschlussgespräch zur Auswertung des Prozesses statt.

  • Beobachtungsdokumentation

Der Waldkindergarten arbeitet mit der Methode des Portfolios zur Dokumentation von Bildungsprozessen und Erlebnissen. Bildungs- und Lerngeschichten werden ergänzt durch Arbeitsblätter zur Selbstdarstellung, die vom Kind gestaltet werden. Zusätzlich werden im Portfolio Werke der Kinder und Fotos mit dazugehöriger Geschichte aus dem Alltag der Kinder gesammelt. Ergänzend zur Portfolio-Arbeit erfolgt die Beobachtungsdokumentation mittels „BaSiK“.

Ziel der Bildungsdokumentation ist die individuelle Planung von geeigneten Angeboten für das jeweilige Kind und die Gruppe insgesamt. Somit dient die Dokumentation sowohl dem Austausch im Kollegium, sowie als Grundlage für das Entwicklungsgespräch mit den Eltern. Zusätzlich ist das Portfolio für das jeweilige Kind eine schöne, identitätsstiftende Erinnerung.

  • Zusammenarbeit

Der Austausch zwischen ErzieherInnen und Eltern zur Stärkung der Erziehungspartnerschaft findet auf unterschiedliche Weise statt: Zunächst bei einem Kennenlerngespräch vor Aufnahme des Kindes. Im pädagogischen Alltag außerdem durch das Tür- und Angelgespräch zur Bring- und Abholzeit, bei dem Kleinigkeiten und Aktuelles ausgetauscht werden können. Zusätzlich können Gesprächstermine vereinbart werden, bei denen ein ausführlicher Austausch möglich ist. Zwei Mal im Jahr finden außerdem Entwicklungsgespräche mit allen Familien statt, bei denen die Beobachtungen der Beteiligten thematisiert werden. Reine Informationsvermittlung ist per datenschutzkonformen Messenger organisiert.

Genau wie im Umgang innerhalb der Waldgruppe soll auch der Kontakt zwischen den Erwachsenen von Wertschätzung, Anerkennung, Gleichwertigkeit und Offenheit geprägt sein.

Im Waldkindergarten hat außerdem die praktische Zusammenarbeit mit den Eltern einen besonderen Stellenwert. Im Verlauf des KiTa-Jahres erbringen die Eltern eine festgelegte (Mindest-) Stundenzahl von Mitwirkungszeit und sind so auch Teil des Geschehens vor Ort.

Die Eltern sind außerdem eingeladen, am pädagogischen Alltag teilzunehmen, indem sie z.B. bei der Essenszubereitung helfen, zum Vorlesen in die KiTa kommen oder kleine Projekte mit den Kindern durchführen. Außerdem gibt es einen freiwilligen Eltern-Springerdienst, der beim Ausfall eines Mitarbeiters z.B. im Krankheitsfall zum Einsatz kommt.

Hospitationen der Eltern z.B. im Morgenkreis, die Begleitung des Kindes in den Wald oder während des KiTa-Tages sind grundsätzlich nach Absprache möglich und werden von den Erziehern als Ausdruck einer gelebten Erziehungspartnerschaft verstanden. 

Zusätzlich gibt es ein monatliches Treffen, wo die Eltern die Möglichkeit haben sich mit einer ausgebildeten Supervisorin zum Thema „Wie geht es mir mit meinem Kind?“ auszutauschen.

  • Partizipation

Verschiedene Räte und Zusammenkünfte bieten Eltern und Kindern Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Mit den Kindern werden Entscheidungen nach demokratischen Prinzipien im Morgenkreis gefällt. Es werden Gedanken, Ideen und Pläne besprochen und bei Kritik wird gemeinsam eine Lösung gesucht.

Die Eltern treffen sich zweimal jährlich im Elternbeirat, bzw. zur Elternversammlung, unter anderem um Elternvertreter für den KiTa-Rat zu wählen, der ebenso zwei Mal im Jahr tagt und sich aus Vertretern der Eltern, der Mitarbeiter und des Trägers zusammensetzt.

  • Beschwerdemanagement

Durch die wertschätzende Atmosphäre im Waldkindergarten wird die offene Äußerung von Beschwerden und Kritik gefördert. Die Beschwerden der Kinder werden hauptsächlich durch aktives Zuhören und in Einzelgesprächen deutlich. Die ErzieherInnen sind hierauf sensibilisiert.

Für die Eltern gibt es verschiedene Wege, ihre Beschwerde an den Waldkindergarten heranzutragen. Es ist dabei von besonderer Bedeutung, dass Unzufriedenheit niedrigschwellig und schnell angesprochen werden kann.

Das direkte persönliche Gespräch ist ein besonders schneller Weg mit den MitarbeiterInnen in Kontakt zu kommen. Zusätzlich bietet die KiTa-Leitung eine wöchentliche Sprechstunde für ausführliche Gespräche an. Die Familien haben außerdem jederzeit die Möglichkeit einen Kommunikationsbogen auszufüllen, in dem sie ihre Kritik auch anonym äußern können und auch der Elternbeirat steht stets als Ansprechpartner der Eltern zur Verfügung.

Alle Beschwerden werden dokumentiert und zeitnah an die entsprechende Zuständigkeit weitergeleitet. Sie sind Teil eines andauernden Entwicklungs- und Verbesserungsprozesses. Je nachdem wen oder was die Beschwerde betrifft sind unterschiedliche Maßnahmen nötig. Sie wird in dem entsprechenden Rahmen bearbeitet und Lösungen werden entweder an die betroffenen Einzelpersonen oder offen kommuniziert.

  • Qualitätssicherung

Die Waldlinge nehmen am Paritätischen Qualitätssystem PQ-Sys® teil. In regelmäßigen Qualitätszirkeln werden die Module bearbeitet und in den KiTa-Alltag und die Verwaltung integriert.

Elementare Bestandteile zur Qualitätssicherung sind die Qualifikation und Zufriedenheit der Mitarbeiter. Aus diesem Grund liegt bei den Windecker Waldlingen ein Fokus auf offenem Umgang miteinander, Fortbildungsbereitschaft, angemessener Bezahlung, fairen Arbeitsbedingungen, regelmäßige Möglichkeiten zum Austausch und Supervision. Auch Vernetzung nach Außen durch Teilnahme an Arbeitskreisen sowie Fachberatungen werden aktiv genutzt.

  • Ausblick

Das pädagogische Konzept der Waldlinge wird stets weiterentwickelt und überarbeitet. In diesem Prozess werden alle Akteure beteiligt: die Kinder, die Mitarbeiter*innen, die Eltern und der Vorstand. Die Verschriftlichung der Neuerungen erfolgt in unregelmäßigen Abständen inklusive einer Veröffentlichung auf der Homepage.


 [SK1]Genderbewusste-paedagogik-in-der-kita // Petra Focks // Professorin für Soziale Arbeit Berlin (petra-focks.de)